Dienstag, 3. August 2010
Elftes Gebot
Am Tag der Beisetzung des Papstes Johannes Paul II. im Jahr 2005 wimmelte es in Rom nur so von Menschen. Roberto Saviano schreibt in seinem Buch "Gomorrha" "Unmöglich zu sagen, in welcher Straße wir waren, ich erinnere mich nur noch an ein riesiges Bettlaken, aufgespannt zwischen zwei Häusern. Es trug die Aufschrift ››Elftes Gebot: du sollst nicht drängeln, dann wirst auch du nicht bedrängt werden. ‹‹ In zwölf Sprachen."

Regelmäßig begleite ich meine Mutter zu Konzertbesuchen. Obwohl selbst nicht mehr der Jüngste, findet sich dort ein Publikum ein, das mich jung erscheinen lässt. Anders ausgedrückt das Auditorium, das dort der klassischen Musik lauscht, ist mehrheitlich weißhaarig. Beim Besuch dieser Konzerte ist es üblich, seinen Mantel an der Garderobe abzugeben. Von Anfang an hat mich erstaunt und irritiert mit welcher Resolutheit die durchweg älteren Menschen am Ende des Konzertes darauf drängen Ihre Garderobe wiederzuerlangen. Das hätte ich Menschen dieses Alters und einem Kreis, der sich selbst zweifellos für kultiviert hält, nicht zugetraut.

Dass in England "Standing in a queue" selbstverständlich ist, hat mich immer fasziniert. In Deutschland habe ich ein solches Verhalten niemals erlebt. Selbst wenn es um so etwas Banales wie das Warten auf das nächste Taxi am Flughafen geht, habe ich schon erlebt, dass sich Leute ungeniert vordrängten, obwohl sie noch nicht an der Reihe waren. Hierzulande gilt das Prinzip des Stärkeren oder Frecheren.

Diese Überlegungen haben mich zu der Frage gebracht, ob man eine Panik wie 2010 in Duisburg anlässlich der Loveparade allein den für die Sicherheit Verantwortlichen anlassten darf.
Es liegt mir fern, den Opfern Schuld zuweisen zu wollen oder die für die Sicherheit Zuständigen aus der Verantwortung nehmen zu wollen. Die Phänomene, die zu Gedränge und schließlich zur Panik führen, sind schließlich nicht erst seit dem Vorfall in Duisburg bekannt.
Dennoch stelle ich mir die Frage, ob ein Gedränge nicht auch ein Ausdruck mangelnder Kultiviertheit ist. Wie ist es um die Rücksicht untereinander bestellt.
Ist es naiv, die Frage zu stellen, warum nicht jeder einfach stehen bleiben und Abstand zum Vorder- und Nebenmann halten kann, wenn klar ist, dass es nicht vorwärts geht? Ist es nicht ein Gebot der Höflichkeit, dem anderen nicht auf die Pelle zu rücken?

Der Titel der Veranstaltung suggeriert, dass sich ein Menschenschwarm treffen kann und sich alle, wenn nicht wörtlich so doch dem Geist nach, liebend in den Armen liegen. Die Realität sieht leider anders aus. Nicht nur die Heuschreckenschwärme zerstören das Gelände, auf dem sie sich niederlassen. Und auch das Motto der Veranstaltung ändert nichts an der Tatsache, dass der Mensch sich zwar gern als soziales Wesen sieht, im Kern aber ein Egoist ist, der, wo und wann immer es geht, seinen eigenen Vorteil sucht. In der Masse versuchen egoistisch handelnde Personen schneller voranzukommen.
Nicht überraschend geben Betroffene offen zu, dass sie, als Panik ausbrach und es ums Überleben ging, wieder zum Tier wurden, wenn sie es nach Darwins Theorie nicht bereits vorher waren.

Staus auf der Autobahn werden von Wissenschaftlern gern als unvermeidlich dargestellt. Das trifft zu, da sich Autofahrer so verhalten wie sie sich verhalten. Wer glaubt, er stehe im Stau, irrt. Er ist der Stau! Die Theorie besagt, dass Autofahrer nicht imstande sind, in einer Kolonne mit gleichem Abstand und Tempo zu fahren. Es entsteht der Ziehharmonika-Effekt. Die menschliche Reaktionsfähigkeit verstärkt in den hinteren Regionen der Kolonne diesen Effekt. Das beliebte Spurwechseln bringt noch mehr Unruhe in die Kolonne. Mir kann keiner erzählen, dass es kein Potenzial für harmonischeres Verhalten und damit für weniger Staus gibt. Die Autofahrer spielen da allerdings nicht mit. So zu tun als ob alles unvermeidbar sei und dem Fatalismus zu frönen, halte ich allerdings für falsch.
Kann ein solches Modell auf Fußgänger übertragen werden? Es wird getan! Also alles unvermeidbar? Diesselbe Situation und es kommt zwangsläufig zu demselben Ergebnis? Jederzeit reproduzierbar? Ich vermisse in diesem Modell den homo sapiens. Fische und Vögel können das offenbar besser.

Wer von einem unvermeidbaren Automatismus bei der Panik während der Loveparade, ausgelöst durch die große Menschenzahl und dem Nadelöhr Tunnel, spricht, greift meines Erachtens zu kurz, da er Ursache und Wirkung unzureichend berücksichtigt. Die Ursache für die Panik war die drangvolle Enge. Wie konnte diese Enge entstehen? Allein durch die große Anzahl an Menschen? Mir bleiben Zweifel.
Es ist zweifellos bequemer, die Schuldigen in den Reihen der städtischen Beamten und des Veranstalters zu suchen.

Ich bin im übrigen nicht Duisburgs Bürgermeister.


Nachtrag:
Sie vermissen eine Erklärung, weshalb ich Blogger wurde?
Nun, ich fand, dass alle Stimmen, die sich zu der Panik 2010 in Duisburg anlässlich der Loveparade äußerten, zu selbstverständlich davon ausgingen, dass viele Menschen auf einem Haufen zwangsläufig zu Gedränge und Panik führen müssen. Diese Kausalität sehe ich in dieser Absolutheit überhaupt nicht. Das Verhalten jedes einzelnen Individuums hat einen Einfluss auf die Bewegung der Masse. Und diesen Gedanken wollte ich "zu Papier" bringen. So wurde ich zum Blogger.