Freitag, 24. Juli 2026
Theorie versus Praxis
Stell dir irgendeine beliebige Sportart vor, z.B. Tischtennis. Glaubst du, dass 90 Prozent der Erwachsenen talentierte Tischtennisspieler sind? 9 von 10 Autofahrern schätzen ihre Fähigkeiten in Bezug auf das Bewegen eines Autos auf Straßen als sehr gut oder gut ein. Du wahrscheinlich auch. Glaubst du, dafür sei Talent nicht erforderlich? Hältst du das für realistisch? Ich glaube, du unterschätzt die Komplexität des Autofahrens. Wenn du es richtig machst, musst du ständig die Umgebung im Auge haben, Geschwindigkeiten und Abstände einschätzen - wo wirst du und die anderen in 3 Sekunden oder in 20 oder 100 Metern sein? - und blitzschnell Entscheidungen treffen. Hier sind dieselben Fähigkeiten gefragt wie in jeder Ballsportart. Das hat nur wenig mit dem zu tun, was dir im Fahrschulunterricht beigebracht wird. Dort lernst du ein paar grundlegende mechanische Fertigkeiten, mehr aber auch nicht.

Bitte nicht falsch verstehen. Ich wünsche Jedem Erfolg bei seiner Fahrschulprüfung. Das Ergebnis der Ausbildung überzeugt mich allerdings nicht. Wenn 2,5 Millionen Unfälle pro Jahr in Deutschland als Erfolg gewertet werden, frage ich mich wie ein Misserfolg aussieht.

Damit der Schock nicht zu tief sitzt, wenn du nach Erhalt des Führerscheins in der Praxis-Realität des Autofahrens ankommst, bereite ich dich schon einmal darauf vor, was später anders sein wird. Das hat nämlich nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem, was du gelernt hast.

Früher oder später, wahrscheinlich eher früher, wirst du nur noch selten beide Hände am Lenkrad haben. Dann wird das Einhändig-Lenken zum Normalfall. Was daran natürlich ist, müssen andere erklären - ich kann es nicht - aber viele von euch werden später das Halten des Lenkrads mit der linken Hand auf 2:00 Uhr als „natürliche“ oder „coole“ Haltung bei Geradeausfahrt entdecken. Daran ändert sich auch nichts, wenn Kurven kommen. In einer Rechtskurve wandert eure linke Hand dann einfach weiter im Uhrzeigersinn. Wie bei allem gibt es auch hier Varianten. Einige halten das Lenkrad bei Geradeausfahrt noch einigermaßen vernünftig und wechseln erst kurz vor der Rechtskurve auf die 12:00 Uhr-Position. Weshalb erschließt sich mir nicht. Ich bin nie auf die Idee gekommen, das zu tun.
Da das Kurvenfahren auf diese Art mühsam ist, vor allem in engen Rechtskurven, werdet ihr so wenig wie möglich lenken wollen. Deshalb werdet ihr Kurven abkürzen, beim Abbiegen die Gegenfahrbahn mitbenutzen und Linien oder schraffierte Flächen munter überfahren.
Im Kreisverkehr werdet ihr feststellen, dass Blinken lästig ist, wenn bei der 2:00 Uhr Lenkradhaltung, der Blinker auf der falschen Seite ist. Deshalb werden viele das Blinken beim Ausfahren aus dem Kreisverkehr als verzichtbar ansehen. Richtig gelenkt, muss man nur den Finger ausstrecken. Die Hand bleibt dabei immer am Lenkrad.

Anmerkung:
Nicht das Einhändig-Lenken ist das eigentliche Problem sondern das Halten des Lenkrads mit der linken Hand auf 12:00 bis 2:00 Uhr. Das ist nicht ergonomisch, total ineffizient, unsicher und fahrlässig. Es fällt in die Kategorie Linkisch. Diese Lenkungsart klappt auch nur, wenn der Bauch die Nähe zum Lenkrad sucht, was einer suboptimalen Sitzposition entspricht. Wie viele lenken so? 70%? Macht 90 minus 65% gute Fahrer. Das erscheint mir deutlich realistischer. Ich schätze, ich mache mich gerade maximal unbeliebt.
Übrigens, du darfst lenken wie du möchtest. Es gibt diesbezüglich nur die Bedingung, dass die "sichere Fahrzeugbeherrschung" nicht beeinträchtigt werden darf. Nun, die ist meiner Meinung nach bei nicht wenigen beeinträchtigt, nur wie will man das beweisen?
Bei "Dunkelheit oder schlechter Sicht" darf man sich nicht mit Tagfahrlicht begnügen. Dann ist Abblendlicht vorgeschrieben, z. B. bei Nacht, Dämmerung, Nebel, starkem Regen oder Schneefall. Welcher Polizist traut sich, beurteilen zu können, was "Dunkelheit oder schlechte Sicht" ist. Das muss schließlich vor Gericht Bestand haben. Keiner!
Standlicht beim Fahren zu benutzen, ist verboten. Deutsche Gerichte urteilen allerdings, dass es nicht strafbar ist, wenn die Sichtverhältnisse das Fahren auch ohne Licht erlaubt hätten. So wird aus einem eindeutigen Verbot ein zweideutiges Wischiwaschi. Meiner Meinung nach sind das Fehlurteile. Diese Fahrer können offenbar mit dem Begriff "Stand" nichts anfangen, sind intellektuell überfordert, dürfen aber am öffentlichen Verkehr teilnehmen. Wie kann man Ungeeignetheit noch eindeutiger beweisen?
Die Stadt, in der ich lebe, liegt an einem großen See. Das Schwimmen außerhalb der Freibäder ist verboten. Niemand kontrolliert das und niemand hält sich daran. Ist ja auch doof. Es geht allein darum, dass keiner die Stadt dafür haftbar machen kann, wenn jemand absäuft. Mit dem Lenken verhält es sich genauso. Der Staat sagt, wir waschen unsere Hände in Unschuld. Dir wurde beigebracht, wie zu lenken ist, also beschwere dich nicht, wenn du stirbst, weil du davon abgewichen bist.

Du meinst, wenn 70% der Weltbevölkerung so lenkt, kann es nicht falsch sein? Es bedeutet nur, dass gute Tischtennisspieler rar gesät sind.

Ihr werdet entdecken, dass wie es das Sprichwort sagt, „viele Wege nach Rom führen“. Auf das Autofahren übertragen, bedeutet es, dass ihr einige mögliche Varianten des Blinkens ausprobieren werdet, wovon eine dann den Vorzug erhält.
Ihr werdet das Blinken aus dem Fahrschulunterricht als uncool empfinden. Deshalb werdet ihr später gar nicht, sporadisch, zu spät oder so blinken, dass niemand mehr etwas davon hat. Es kann auch passieren, dass ihr das Intervall-Blinken (3x) für euch als das Nonplusultra in allen Lebenslagen entdecken werdet. Nur eine „nette“ Variante von vielen ist z.B., das Abbiegen mit Blinken zu „begleiten“. Das sieht dann z.B. beim Abbiegen so aus, dass, ohne zu blinken, rechts oder links auf die Abbiegespur gewechselt und in dem Moment, wenn es dann in die Kurve geht, der Blinker gesetzt wird. Dass Blinken anderen Verkehrsteilnehmern eine Absicht ankündigen soll, ist hier ad absurdum geführt. Meinem Eindruck nach, scheinen viele zu glauben, frühzeitig zu blinken sei schlecht oder gar verboten. Dabei kann man so gut wie nicht zu früh sondern nur zu spät blinken. Und davon wird jede Menge Gebrauch gemacht. Das späte „begleitende“ Blinken erfreut sich hoher Beliebtheit. Wer zuerst bremst und erst danach blinkt - ebenfalls sehr verbreitet - hat den Sinn eines Anzeigers nicht verstanden. Meiner Einschätzung nach sind bestimmt 60% der Blinkerei für die Katz.

Wenn ihr irgendwann Eltern von Kindern werdet, werdet ihr entdecken, dass das Einschalten der Warnblinkanlage vor dem Kindergarten oder der Schule einen fehlenden Parkplatz mühelos ersetzt. Diese Fracht ist kostbar, das Absetzen dieser aber keine konkrete Gefahrensituation und ein PKW kein Bus.

Ich bezweifle, dass ihr euch dabei beliebt macht, aber ihr könntet ja mal euren Fahrschullehrer fragen, weshalb das in der Fahrschule beigebrachte Verhalten so wenig mit der beobachtbaren Realität zu tun hat. Wäre es z.B. nicht sinnvoller, ein vernünftiges, einhändiges Lenken zu schulen statt einem beidhändigen, das in der Praxis bedeutungslos ist? Die Steigerung wäre dann, den Fahrlehrer zu fragen, an welche der Regeln, die er lehrt, er sich privat auch noch hält. Wie hält er denn privat das Lenkrad?
Was antwortet der Fahrschullehrer, wenn er darauf angesprochen wird, warum es ihn nicht irritiert, wenn er jeden Tag Augenzeuge davon wird, wie das Verhalten auf den Straßen in der Realität aussieht?
Ich befürchte, die ehrliche Antwort wäre: Ist mir scheißegal. Ich bin profitorientierter selbstständiger Unternehmer.

Meiner Beobachtung nach verhalten sich Fahrschullehrer keinen Deut anders als die Mehrheit der anderen Verkehrsteilnehmer, wenn sie selbst am Steuer ihres Fahrschulautos sitzen. Die exakt gleiche einhändige Lenkradhaltung, kombiniert mit dem typischen Blick nach unten zu den Eiern respektive dem Handy. Auch Fahrschullehrer sind nicht alle begnadete Tischtennisspieler.

"Aus bislang unbekannter Ursache geriet die 29-jährige Fahrerin in einer leichten Rechtskurve nach links auf die Gegenfahrbahn, wo ihr Auto mit einem entgegenkommenden Lastwagen kollidierte." Meldungen wie diese können Sie täglich lesen. Ob aus "unbekannter Ursache" später eine bekannte wird, erfährt man leider nie. Wenn kein technischer Defekt, kein medizinischer Vorfall, keine unangepasste Geschwindigkeit vorlag und das Handy auch keine Aktivitäten verzeichnete, dann dürfte die Ursache im Dunkeln bleiben. Es ist Spekulation, aber 2 Uhr-Lenken mit der linken Hand und zusätzlich das Handy bedienen, ist eine fatale Kombination.

Video: Lenken linkisch

Es fällt mir nicht leicht, etwas zu finden, das wirklich alle Autofahrer durch die Bank gut können. Bei einem Blitzer und erlaubten 50 50 km/h zu fahren, gehört nicht dazu, auch dann nicht, wenn der Blitzer bekannt ist. Ohne Blitzer bei erlaubten 50 80 km/h fahren, das können aber wirklich alle.