Freitag, 24. Juli 2026
Theorie versus Praxis
Stell dir irgendeine beliebige Sportart vor, z.B. Tischtennis. Glaubst du, dass 90 Prozent der Erwachsenen talentierte Tischtennis-Jongleure sind? Du auch? 9 von 10 Autofahrer schätzen ihre Fähigkeiten in Bezug auf das Bewegen eines Autos auf Straßen als gut ein. Du wahrscheinlich auch. Glaubst du, dafür sei Talent nicht erforderlich? Hältst du das für realistisch? Ich glaube, du unterschätzt die Komplexität des Autofahrens. Wenn du es richtig machst, musst du ständig die Umgebung im Auge haben, Geschwindigkeiten und Abstände einschätzen und Entscheidungen treffen. Das hat nur wenig mit dem zu tun, was dir im Fahrschulunterricht beigebracht wird. Dort lernst du ein paar mechanische Verhaltensregeln, mehr aber auch nicht.

Bitte nicht falsch verstehen. Ich wünsche Jedem Erfolg bei seiner Fahrschulprüfung. Das Ergebnis der Ausbildung überzeugt mich allerdings nicht.

Damit der Schock nicht zu tief sitzt, wenn du nach Erhalt des Führerscheins in der Praxis-Realität des Autofahrens ankommst, bereite ich dich schon einmal darauf vor, was später anders sein wird. Das hat nämlich nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem, was du gelernt hast.

Früher oder später, wahrscheinlich eher früher, wirst du nur noch selten beide Hände am Lenkrad haben. Dann wird das Einhändig-Lenken zum Normalfall. Was daran natürlich ist, müssen andere erklären - ich kann es nicht - aber viele von euch werden später das Halten des Lenkrads mit der linken Hand auf 2:00 Uhr als „natürliche“ oder „coole“ Haltung bei Geradeausfahrt entdecken. Daran ändert sich auch nichts, wenn Kurven kommen. In einer Rechtskurve wandert eure linke Hand dann einfach weiter im Uhrzeigersinn. Wie bei allem gibt es auch hier Varianten. Einige halten das Lenkrad bei Geradeausfahrt noch einigermaßen vernünftig und wechseln erst kurz vor der Rechtskurve auf die 12:00 Uhr-Position. Weshalb erschließt sich mir nicht. Ich bin nie auf die Idee gekommen, das zu tun.
Da das Kurvenfahren auf diese Art mühsam ist, werdet ihr so wenig wie möglich lenken wollen. Deshalb werdet ihr Kurven abkürzen, beim Abbiegen die Gegenfahrbahn mitbenutzen und Linien oder schraffierte Flächen gerne überfahren.
Im Kreisverkehr werdet ihr feststellen, dass Blinken lästig ist, wenn bei der 2:00 Uhr Lenkradhaltung, der Blinker auf der falschen Seite ist. Deshalb werden viele das Blinken beim Ausfahren aus dem Kreisverkehr als verzichtbar ansehen.

Kurze Anmerkung: Nicht das Einhändig-Lenken ist das eigentliche Problem sondern das Halten des Lenkrads mit der linken Hand auf 12:00 bis 2:00 Uhr. Das ist nicht ergonomisch, total ineffizient und unsicher. Es fällt in die Kategorie Linkisch. Wie viele lenken so? 70%? Macht 90 minus 65% gute Fahrer. Das erscheint mir deutlich realistischer. Ich schätze, ich mache mich gerade maximal unbeliebt.

Ihr werdet entdecken, dass wie es das Sprichwort sagt, „viele Wege nach Rom führen“. Auf das Autofahren übertragen, bedeutet es, dass ihr einige mögliche Varianten des Blinkens ausprobieren werdet, wovon eine dann den Vorzug erhält.
Ihr werdet zu viel Licht und das Blinken aus dem Fahrschulunterricht als uncool empfinden. Deshalb werdet ihr später gar nicht, sporadisch, zu spät oder so blinken, dass Niemand mehr etwas davon hat. Es kann auch passieren, dass ihr das Intervall-Blinken für euch als das Nonplusultra in allen Lebenslagen entdecken werdet. Nur eine „nette“ Variante ist z.B., das Abbiegen mit Blinken zu „begleiten“. Das sieht dann z.B. beim Rechtsabbiegen so aus, dass, ohne zu blinken rechts auf die Abbiegespur gewechselt und in dem Moment, wenn es dann in die Rechtskurve geht, der Blinker gesetzt wird. Dass Blinken anderen Verkehrsteilnehmern eine Absicht ankündigen soll, ist hier ad absurdum geführt. Meinem Eindruck nach, scheinen viele zu glauben, frühzeitig zu blinken sei schlecht oder verboten. Dabei kann man so gut wie nicht zu früh sondern nur zu spät blinken. Und davon wird jede Menge Gebrauch gemacht. Das späte „begleitende“ Blinken erfreut sich hoher Beliebtheit. Wer zuerst bremst und erst danach blinkt - ebenfalls sehr verbreitet - hat den Sinn eines Anzeigers nicht verstanden.

Wenn ihr irgendwann Eltern von Kindern werdet, werdet ihr entdecken, dass das Einschalten der Warnleuchte vor dem Kindergarten oder der Schule einen fehlenden Parkplatz mühelos ersetzt.

Ich bezweifle, dass ihr euch dabei beliebt macht, aber ihr könntet ja mal euren Fahrlehrer fragen, weshalb das in der Fahrschule beigebrachte Verhalten so wenig mit der beobachtbaren Realität zu tun hat. Wäre es z.B. nicht sinnvoller, ein vernünftiges, einhändiges Lenken zu schulen statt einem beidhändigen, das in der Praxis bedeutungslos ist? Die Steigerung wäre dann, den Fahrlehrer zu fragen, an welche der Regeln, die er lehrt, er sich privat auch noch hält. Wie hält er denn privat das Lenkrad?
Was sagt der Fahrlehrer, wenn er darauf angesprochen wird, warum es ihn nicht irritiert, wenn er jeden Tag Augenzeuge davon wird, wie das Verhalten auf den Straßen in der Realität aussieht?

Meiner Beobachtung nach verhalten sich Fahrlehrer keinen Deut anders als die Mehrheit der anderen Verkehrsteilnehmer. Die exakt gleiche Lenkradhaltung, kombiniert mit dem typischen Blick nach unten zum Handy.